Seit September 1943 ist mir die Kriegsvertretung in der Pfarrei Herrnneuses übertragen. Ich, Pfarrer Hans Stählin, lebe seit November 1937 hier in Neustadt/Aisch im Ruhestand. Ich hatte um Versetzung in denselben vorzeitig bitten müssen, weil meine Nerven den Dienst versagten. Die Kriegsverhältnisse aber bringen es mit sich, daß ich nun doch wieder aushilfsweise in die Arbeit eintreten muß. Der vorherige Kriegsvertreter, Pfarrer Vogel von Wilhermsdorf-Neidhardswinden, war durch Uebernahme einer anderen Vertretung verhindert, die Vertretung von Herrnneuses weiter zu führen. Ich wohne hier in Neustadt/Aisch und gehe regelmäßig zu Fuß nach Herrnneuses, da ich es nicht mehr vertrage, mit dem Rad zu fahren. Anfangs wollte ich den ganzen Dienst übernehmen, erkannte aber alsbald, daß dies meine Kraft überstieg. Ich mußte den Religions- und Konfirmandenunterricht abgeben. Den ersteren übernahm die Katechetin Fräulein Zeuch von Nürnberg, die zugleich den Religionsunterricht an einigen Schulen des Aischgrundes hat, den Konfirmandenunterricht übernahm Pfarrer Dr. Hofmann von Diespeck, der Bruder des zur Wehrmacht eingezogenen Pfarrers Richard Hofmann, der auf die Pfarrei Herrnneuses ernannt ist. Diese Teilung der Gemeindearbeit hat natürlich ihre schweren Nachteile, weil keines der Beteiligten in der Gemeinde recht warm werden kann, leider besteht aber keine Möglichkeit der Aenderung.

Die Verhältnisse in der Gemeinde sind in mancher Hinsicht schwierig. Seit Anfang des Krieges fehlt der Pfarrer im Ort. Die Seelsorge kann von auswärts nur unzureichend geübt werden. Besonders im Pfarrort selbst bestehen starke politische Spannungen. Die politischen Führer haben sich von der Kirche abgewendet. Zwischen Pfarrer und Lehrer bestand schon bei den letzten beiden ständigen Pfarrern der Gemeinde kein gutes Verhältnis. Der derzeitige Lehrer ist Zellenwart der Partei und arbeitet in der Gemeinde und bei den Kindern in der Schule gegen die Kirche. Eine starke Disziplinlosigkeit der Schuljugend wird wohl ihre Ursache in dem Zwiespalt haben, in welchen sie gestellt ist.
Um das leerstehende Pfarrhaus gab es dauernde Auseinandersetzungen, über die der bei den Akten dieser Chronik liegende Briefwechsel aus dem Jahre 1943 Auskunft gibt. Als ich die Pfarrei übernahm, wohnten im Pfarrhaus zwei evakuierte Frauen mit je einem Kind, die miteinander im heftigsten Streit lagen. Als Pfarrer Vogel die Pfarrei abgeben mußte, übernahm sie zunächst Pfarrer Holzberger von Schauerheim. Die beiden Frauen waren in ständiger Angst, daß sie aus dem Pfarrhause verdrängt würden, und stellten hierüber den Amtsbruder Holzberger zur Rede, der ihnen antwortete, sie würden, wenn sie aus dem Pfarrhause fortkämen, eine entsprechende andere Wohnung bekommen. Daraufhin setzte sich die eine der beiden Frauen telefonisch mit einem ihr persönlich bekannten Parteiführer in Verbindung und regte die Einberufung Holzbergers zur Wehrmacht an. Sie rühmte sich dann offen im Dorfe, wie mir erzählt wurde, daß sie den Pfarrer „verkauft“ habe. Tatsächlich wurde Holzberger kurz darauf einberufen. Doch stand dies schwerlich in Zusammenhang mit dem Wunsche der Frau. Seine Einberufung stand ohnehin zu erwarten. Sie geschah aber so rasch, daß er sich stellen mußte, ohne die Pfarrei Herrnneuses in geordneter Weise zu übergeben. Er war schon fort, als ich sie übernahm. Amtsbruder Vogel wies mich deshalb ein, eine amtliche Übergabe an mich fand nicht statt.

Im Verlauf des Zwistes zwischen den beiden das Pfarrhaus bewohnenden Frauen trafen der Ortsbauernführer Zeilinger und der Bürgermeister Eskofier in willkürlicher Weise Entscheidungen über die Verteilung des Pfarrgartens zwischen den Frauen. Ausführlichen Bericht darüber siehe bei den Kriegsakten unter dem 25. April d. J. Eine Rückgängigmachung des rechtswidrigen Aktes war aus praktischen Gründen nicht mehr möglich, ich erfuhr von der Sache zu spät. Doch nahm ich Rücksprache mit dem Bürgermeister und ersuchte ihn solche Entscheidungen nicht mehr ohne Verständigung mit mir vorzunehmen. Er versicherte mir, daß er im Frieden mit mir leben wolle, er habe lediglich den Ortsbauernführer unterstützen wollen, weil dieser sich bei den Frauen nicht hätte durchsetzen können, und berief sich auf den von der Partei erhaltenen Auftrag den Evakuierten Gartenland zu beschaffen. Amtsbruder Dr. Hofmann redete als Vertreter seines nutzungsberechtigten Bruders mit dem Ortsbauernführer Zeilinger. Dieser soll sich anfangs schroff gestellt haben, aber dann doch versprochen haben solche Aktionen künftig zu unterlassen, als Dr. Hofmann ihm ankündigte, daß er im Wiederholungsfall sich an den Landrat wenden werde.
In den Tagen der Konfirmation ließ der Lehrer einen Konfirmanden in der Schule die Beichtformel aufsagen und wandte sich dann an die Kinder mit der Frage: Und das glaubt ihr? Darauf erging er sich in wüsten Schmähungen gegen den christlichen Glauben. Als ich davon erfuhr, sprach ich in der Gemeindeunterweisung darüber. Ich erklärte den Kindern, daß es unverantwortlich ist sie in ihren jungen Jahren in diesen Konflikt um den Glauben hinein zu stoßen, und daß sie mir deswegen leid täten. Aber sie sollten nun nicht schließen: Der Pfarrer redet so und der Lehrer so, also glauben wir keinem von beiden. Sie sollten vielmehr selbst sich ein Urteil bilden, wer ihnen wohl die höchste, ewige Wahrheit kündet, der, der ihnen das Heilige groß macht, oder der, der es durch den Schmutz zieht. Meine Worte machten auf die jungen Leute sichtlich Eindruck, wie ich überhaupt sagen kann, daß die Jugend in der Gemeindeunterweisung durchaus anständig und für die Unterweisung sich aufgeschlossen erweist.
Am 5. September, ich war gerade in Urlaub, mußte der Gemeinde im Gottesdienst mitgeteilt werden, daß ihr Pfarrer Richard Hofmann seit 24. Juni vermißt wird. Er war von dem Durchbruch der Russen im mittleren Osten mit betroffen. Es wird für ihn regelmäßig im Gottesdienst gebetet.
Am 10. September fielen während und nach dem Kindergottesdienst nahe bei Herrneuses mehrere Bomben. Der Kindergottesdienst schloß sich unmittelbar an den Hauptgottesdienst an. Schon am Schluß des letzteren soll in Neustadt Fliegeralarm gegeben worden sein. Ich hörte davon nichts. Während des Kindergottesdienstes machten mich die Kinder darauf aufmerksam, daß man feindliche Flieger höre. Ich wollte daraufhin die Kinder mit Gebet entlassen, da hörte man den Einschlag einer Bombe in der Richtung westwärts von Neustadt. Daraufhin brach ich ab und entließ die Kinder in einzelnen Gruppeaus der Kirche. Die Kinder waren verständig, so daß ich die Entlassung in Ordnung durchführen konnte. Nachher erfuhr ich, daß mehrere Bomben im Heckerwald bei Unterstrahlbach gefallen seien. In Herrneuses hätten Fenster und Türen gewackelt von den Einschlägen. Ich selbst hörte nur den einen Einschlag, den ich oben berichtete. Die Kirchnerin rief zur Türe herein, daß Flieger über uns seien, als ich schon über der Entlassung der Kinder war. Walter Gerstner, der kleine Knecht auf der Hohenwürzburg, erzählte, daß eine Bombe ungefähr 300m von ihm gefallen sei, als er von Oberstrahlbach die Milchkannen nach Hause trug. Er habe sich in einen Rübenacker geworfen und der Luftdruck habe ihn dort noch in die Höhe geworfen. Irgend ein weiterer Schaden ist nicht entstanden. Nur bemerkte ich nachher, daß in der Kirche über dem Westausgang einige Backsteine herunter gefallen waren.
Der Streit der Frauen im Pfarrhause hat nunmehr eine Lösung gefunden. Die eine der beiden Frauen konnte in ein anderes Haus ziehen. An ihrer Statt zog ins Pfarrhaus die Frau des Bruders von Amtsbruder Hofmann mit ihren drei Kindern. Ihr Mann ist Arzt bei der Wehrmacht. Für den Pfarrdienst stehen wie vorher im ersten Stock das Amtszimmer und im Erdgeschoß der Aktenraum zur Verfügung, in welchem zugleich im Winter die Gemeindeunterweisung, der Kindergottesdienst und der Konfirmandenunterricht statt findet.
Der Lehrer ist seit dem Herbst zur Wehrmacht eingezogen. An seiner Stelle versieht den Schuldienst eine junge Lehrerin, die sich zur Kirche hält, was sich auch in der Haltung der Schulkinder bemerkbar macht.
Seit Oktober erteilt den Religionsunterricht an Stelle von Fräulein Zeuch die Nürnberger Katechetin Fräulein Dr. Barthel. Die Kinder fühlen sich zu ihr hingezogen.
Die Ernte dieses Jahres war im Ganzen befriedigend, wenn sie auch hinter der ganz außerordentlich guten Ernte des Vorjahres beträchtlich zurück bleibt. Die Herbstbestellung litt unter der durch 1 ½ Monate anhaltenden Regenperiode mit unmittelbar anschließendem Frostwetter, sie konnte infolgedessen nicht ganz abgeschlossen werden. Das Auftreten des Kartoffelkäfers hielt sich in mäßigen Grenzen. Die Käfersuchaktion bedeutete freilich eine weitere starke Belastung der Bevölkerung.
Im Dezember wurde der Volkssturm aufgerufen. Alle nicht zur Wehrmacht einberufenen Männer vom 16. bis zum 60. Lebensjahr sind dazu verpflichtet. Die Übungen desselben finden am Sonntag statt. Anfangs sollten sie nachmittags sein, wurden aber bald auf den Vormittag verlegt. Das bedeutet, daß kein Mann mehr den Gottesdienst am Vormittag besuchen kann. Ich halte deshalb den Gottesdienst abwechselnd vormittags ½ 10 Uhr und nachmittags 2 Uhr. Freilich kommen auch nachmittags fast keine Männer mehr, sie sind zu müde nach dem Vormittagsdienst, bei Schnee und Kälte auch zu ausgefroren. Der sonntägliche Weg nach Herrneuses bedeutet auch für mich bei verschneitem und vereistem Weg über die Höhen hinweg eine starke Anstrengung und immer die Gefahr, daß man einmal fällt und dann einen Unfall erleidet. Ich bin zwar verhältnismäßig gut zu Fuß, aber immerhin 67 Jahre alt.
Ganz auffallend ist die Häufung der Sterbefälle in der Gemeinde, seit ich die Vertretung habe. Sie beträgt ungefähr das Dreifache des Durchschnitts und umfaßt alle Lebensalter. In den 5 Vierteljahren meiner bisherigen Vertretungszeit stehen 15 Todesfällen nur 3 Geburten gegenüber, von denen eine auf eine evakuierte Familie trifft.
Es sind jetzt eine recht erhebliche Anzahl Evakuierter in der Gemeinde. Von den manchmal gehörten Klagen über unschönes Benehmen derselben und Spannungen mit der einsässigen Bevölkerung ist hier wenig zu merken. Die beiden Frauen im Pfarrhaus fielen unangenehm auf, über die eine, die inzwischen in ein anderes Haus zog, höre ich seitdem nichts nachteiliges mehr, von einer anderen Familie hörte ich Klagen, daß deren Kinder stehlen, sonst höre ich nichts nachteiliges, teilweise besuchen sie die Gottesdienste, die Kinder besuchen den Religions- und Konfirmandenunterricht, soweit sie evangelisch sind.

In den Weihnachtsfeiertagen häuften sich die Casualfälle in ungewöhnlicher Weise zusammen. Am Heiligen Abend war vormittags eine Trauung und nachmittags ein Gedächtnisgottesdienst für zwei Gefallene, am 28. wieder eine Trauung und an Silvester eine Beerdigung. Die Wege bedeuteten bei Schnee und Frost eine erhebliche Anstrengung. Infolgedessen mußte ich nach Neujahr aussetzen. Der hiesige Herr Dekan vertrat mich am folgenden Sonntag. Am nächsten Sonntag sollte um 2 Uhr Gottesdienst sein. Aber in der Frühe erfuhr ich durch unseren Organisten Hans Schemm, der zum Volkssturm in die Stadt kam, daß auf den Nachmittag in Herrnneuses und Schellert je eine politische Frauenversammlung angesetzt war mit Verpflichtung zur Teilnahme für alle, daß also fast niemand den Gottesdienst besuchen könne. Da sagte ich ihn auf telefonischen Wege ab. Am folgenden Sonntag hielt ich wieder Gottesdienst, konnte ihn aber kaum zu Ende bringen vor Schwäche. Ich war gezwungen für einige Zeit Urlaub zu nehmen.

Neustadt/Aisch, 12. Februar 1945
Hans Stählin

Am Buß- und Bettag [sic!], den 18. Februar, nahm ich den Dienst in Herrnneuses wieder auf. Am 20. d.M. erlebten wir in Neustadt den ersten Angriff durch Tiefflieger. Insbesondere der Bahnhof wurde beschossen, ferner bei Hagenbüchach der Zug nach Nürnberg. Es gab die ersten Opfer durch Fliegerangriffe. Zwei Tage darauf erfolgte ein Bombenangriff auf Neustadt. Gott hielt noch seine Hand über der Stadt. Die meisten Bomben fielen auf die Bleichwiese, aber einige Häuser an der Straße zum Bahnhof und am Nordrand von Riedfeld wurden schwer beschädigt, teilweise ganz zerstört. Zwei Einschläge gab es auf dem Friedhof. Am folgenden Samstag wurde in Herrnneuses wie in den andern Dörfern der Gegend Brot für die Bevölkerung im völlig zerstörten Nürnberg gesammelt. Jedes Haus gab einen oder mehrere Laibe. Diese wurden am Montag nach Nürnberg gefahren, nicht ohne abermalige Beschießung durch Tiefflieger, doch kam der Fahrer noch glücklich durch. Am gleichen Tage wurden auf der Straße nach Nürnberg zwei Personentransporte, darunter der Krankenwagen des Roten Kreuzes von Neustadt schwer angegriffen. Es gab wieder eine ganze Anzahl Tote und Verletzte. Die Fliegeralarme wiederholten sich jetzt täglich, öfters mehrmals, meistens drohen dabei Tiefflieger und die Gefahr dauert oft mehrere Stunden. Planmäßig beschießen die Feinde die Eisenbahnzüge und auch die Menschen und die Gespanne, die sich im Freien bewegen. Die Menschen werden sehr ängstlich und die Bauern fragen sich besorgt, was unter solchen Umständen aus der Feldbestellung im Frühjahr werden soll.
Am letzten Sonntag, den 4. März, setzte der Fliegeralarm ein, als ich gerade auf dem Weg zum Gottesdienst war. Ich konnte nur in der Kirche der Gemeinde die Lage mitteilen und sie mit einem kurzen Gebet und dem Segen entlassen. Die Anberaumung des Gottesdienstes zu einem späteren Termin erschien mir aussichtslos. Es war heftiger Schneesturm, die meisten Gottesdienstbesucher hatten einen Kirchenweg von einer guten halben Stunde, der Alarm konnte 2 bis drei Stunden dauern, die Leute mußten heim zum Essen und es konnte ihnen nicht zugemutet werden, den Weg nachmittags noch einmal zu machen. So mußte der Gottesdienst ausfallen. Ich kündigte den Passionsgottesdienst für nächsten Donnerstag früh 8 Uhr an, damit er womöglich noch vor dem Einsetzen des Alarms beendet werden könnte. Gestern freilich hatten wir schon früh 8 Uhr Kleinalarm.
Unser Kantor und Organist Hans Schemm kann uns jetzt nur noch alle 14 Tage die Orgel zum Gottesdienst spielen, er muß jeden zweiten Sonntag als Sanitäter des Volkssturms in Neustadt Dienst tun, und zwar als Sanitäter bis in den Nachmittag hinein, so daß es auch nichts hilft, wenn der Gottesdienst erst nachmittags 2 Uhr stattfindet. Aber unsere neue Lehrerin, Fräulein Dietrich, erklärte sich bereit alle 14 Tage für ihn einzuspringen. Das ist doppelt schätzenswert, weil ihr diese Hilfsbereitschaft für die Kirche von vielen Standesgenossen verdacht werden wird.
Wein ist jetzt bei uns ein so seltener Artikel geworden, daß die Deckung des Bedarf für die Abendmahlsfeiern in Frage gestellt ist. Die Kirchenleitung forderte uns daher auf die Gemeindeglieder um Spendung von Abendmahlswein zu bitten. Der Kirchenvorsteher Johann Weigel benutzte persönliche Verbindungen nach Ipsheim um uns dort 10 Liter Wein zu beschaffen. Er holte sie dort in einer Korbflasche ab. Die nötigen Weinflaschen zum Abfüllen besitzt die Kirche. Fraglich war aber – ein seltsamer Begleitumstand der Kriegsverhältnisse – ob wir die nötigen Korke zu Verschluß der Flaschen auftreiben würden. In einer hiesigen Drogerie bekam ich aber die entsprechende Anzahl zwar gebrauchter, aber noch brauchbarer Korke, so daß auch diese Sorge behoben ist.

Neustadt/Aisch, 6. März 1945
Hans Stählin

Am Palmsonntag, 25. März kam die Nachricht vom feindlichen Durchbruch gegen den Main und die Bergstraße, damit rückte die Gefahr heran, daß feindliche Panzer zu uns vordringen.
Am Montag darauf ist Konfirmandenprüfung. Währen desselben kommt Fliegeralarm, doch wurde sie trotzdem zu Ende geführt. Die Mütter der Konfirmanden schlugen nach derselben vor die Konfirmation schon an einem der nächsten Tage zu halten, weil man nicht wußte, ob sie am Ostermontag, für den sie festgesetzt war, noch gehalten werden könnte. Doch nahmen wir davon Abstand, weil dadurch die Feier doch gar zu dürftig sich gestaltet hätte. Sie soll, wenn sie am Ostermontag nicht sein kann, auf später verschoben werden.
Ich bringe am Abend dieses Montags noch allerlei Hausrat und Kleidungsstücke meiner hier wohnenden Tochter und unseres eigenen Haushalts zur größeren Sicherheit nach Herrnneuses hinaus. Am nächsten Tage bringe ich noch mehr. Im Dorf ist große Aufregung und Furcht vor den kommenden Ereignissen. Man sagt, daß die Panzer bereits in Würzburg seien und am nächsten Tag zu uns kommen können. Da Herrnneuses etwas abseits liegt, bringen viele Leute von Neustadt Sachen dorthin, viele suchen sich selbst dorthin in Sicherheit zu bringen.
Am Dienstag nehmen 200 Mann Nachrichtentruppen in Herrnneuses Quartier. Da der Ort schon von Umquartierten belegt ist, werden sie zum großen Teil in Scheunen untergebracht. Ich werde telefonisch vom führenden Offizier gebeten, das Akten- und Gemeindezimmer des Pfarrhauses als Revier für kranke Soldaten zur Verfügung zu stellen, weil hierfür kein anderer Raum zur Verfügung steht. Ich gebe den Raum frei.
Am Karfreitag ist die Kirche ganz gefüllt. Alle Männersitze sind mit Soldaten besetzt, die freiwillig gekommen waren. Am Nachmittag ist Abendmahlsfeier mit der ungewöhnlich großen Zahl von 131 Teilnehmern. Die Opfergaben steigen ins außerordentliche. Ich bringe an diesem Tag ungefähr 700M Opfergaben heim.
Ostersonntag. Wir beginnen den Gottesdienst früh 8 Uhr. Nachrichten von schweren Fliegerangriffen auf Rothenburg, Ebrach und Schlüsselfeld machen uns vorsichtig. Kaum habe ich die Predigt begonnen, kommt Alarm. Ich entlasse die Gemeinde mit der Ankündigung, daß wir den Gottesdienst fortsetzen, wenn bis spätestens 11 Uhr Entwarnung kommt. Gegen 10 Uhr kommt diese. Ich setze meine Predigt fort und schließe den Gottesdienst. Am Nachmittag soll um ½ 2 Uhr Osterandacht auf dem Friedhof sein. Wie ich im Chorrock hinausgehen will, werde ich darauf aufmerksam gemacht, daß Tiefflieger gemeldet sind, in Neustadt sei bereits Alarm. Ich kehre um, lege den Chorrock ab und eile so schnell als möglich zum Friedhof um die Wenigen, die hinaus gekommen waren, zu warnen und heim zu schicken. Es waren aber doch mehr Teilnehmer da, als ich erwartet hatte, teilweise solche von auswärts. Da bat ich einige Männer auf etwa sich nähernde Tiefflieger Ausschau zu halten, während ich einige Verse singen ließ und eine kurze Ansprache hielt. Nordwestlich, zwischen den Bergen stieg starker Rauch auf, offenbar brannte es dort. Um 4 Uhr hielt ich Beichte für die Konfirmanden in Vertretung des Konfirmators, Amtsbruder Dr. Hofmann von Diespeck, der tags zuvor sein jüngstes, 1 ½ Jahre altes Kind hatte beerdigen müssen.
Am Morgen dieses Tages war, wie wir nachher hörten, der Zug Neustadt – Windsheim und ein Auto bei der Pulvermühle von Tieffliegern beschossen worden. Es gab 2 Tote.
Ostermontag. Konfirmation durch Amtsbruder Dr. Hofmann schon früh ½ 8 Uhr, trotzdem an diesem Tage die Sommerzeit beginnt. Um womöglich wenigsten die Kinder einsegnen zu können, bevor Alarm kommt, wird der Gottesdienst sofort mit der Konfirmationshandlung begonnen, an die sich die Abendmahlsfeier anschloß. Erst nachher folgte die Konfirmationsrede. Kaum hatten wir die Kinder aus der Kirche ins Pfarrhaus zurück geführt, da setzte wieder der Alarm ein. Die Konfirmandenvesper wurde von 2 Uhr auf ½ 1 Uhr vorverlegt mit der Verabredung sie bei Fliegergefahr bis spätestens 1 Uhr zu verschieben. Wenn da noch Alarm wäre, sollte sie ausfallen. ½ 1 Uhr waren richtig wieder Tiefflieger gemeldet. Die Konfirmanden von Schellert und Buchklingen konnten deshalb nicht rechtzeitig da sein. Wir mußten das bereits einsetzende Glockengeläut wieder absagen lassen. Um ¾ 1 Uhr aber kamen die Buchklingener doch. So zogen wir zur Kirche, und die Schellerter kamen unterwegs dazu. Die Vesper konnte dann ohne weitere Störung gehalten werden.
Die einquartieren Soldaten rüsteten sich inzwischen zum Aufbruch. Um 6 Uhr abends sollten sie abrücken, wie es hieß, in Richtung München. Die Aufregung steigerte sich immer mehr. Gerüchte gingen um, daß die feindlichen Panzer schon in Kitzingen stünden. Die Frage, ob Neustadt verteidigt werden soll, ist in der Schwebe. Nach Würzburg zu sind vor der Stadt Schützenlöcher gegraben, die westliche Einfahrt des Nürnberger Tors wurde zeitweilig durch eine Barrikade gesperrt, aber diese wurde wieder entfernt. Die maßgebenden Kreise der Stadt sind unter sich selbst uneins. Es scheint, daß die Parteiführung die Stadt verteidigen will, Gerüchte gehen um, daß eine neue Waffe hier erstmals angewandt werden soll. Aber es scheint an Waffen zu fehlen. Volkssturm und Bürgermeister sollen jeden Widerstand für völlig aussichtslos erklären. Die Stadt würde dabei nur zwecklos geopfert werden. Was tatsächlich geschehen wird, ist heute abend noch ungewiß.

Neustadt/Aisch, Ostermontag, 2. April 1945 abends.
Hans Stählin

Am Mittwoch, 4. April verschärfen sich die Gerüchte über die Neustadt drohende Gefahr. Andere Orte zwischen Würzburg und Ansbach seien vom Feind zerstört worden, weil sie Widerstand leisteten. In der Stadt wächst die Aufregung. Am Donnerstag Angriff durch Tiefflieger. Die Redaktion des Neustädter Anzeichers und eine Scheune vor dem Nürnberger Tor wird durch Bombenwurf zerstört, die Stadtmauer westlich des Nürnberger Tors durchschlagen. In der folgenden Nacht wird der Volkssturm alarmiert. Die Panzer seien durch die Riegelstellung, die in der Linie Marktbreit – Uffenheim den Feind aufhielt, durchgebrochen. In unserm Haus stand alles auf, wir packten unsere nötigsten Sachen zusammen und besannen uns, ob wir uns nicht in den Wald retten sollten. Nachher stellte sich heraus, daß es sich um ein blindes Gerücht handelte.
Heute vormittag griffen Jäger mit Bordwaffen und Bomben die Stadt an, ohne daß Alarm gegeben worden war. Doch waren Tiefflieger gemeldet. Trotzdem war ein Zug des Volkssturms geschlossen zur Dehnschen Ziegelei marschiert um eingekleidet zu werden. Sie wurden von den Jägern erfaßt. Es soll 20 Tote gegeben haben. Die Ziegelei, das Verwaltungsgebäude des Arbeitsdienstes, das landwirtschaftliche Lagerhaus und die Spitalkirche wurden getroffen. Die Straße nach Würzburg soll gesperrt sein. Als Folge der Verteidigungsmaßnahmen erwartet man die Zerstörung der Stadt. Die Straßen sind voll Menschen. Vor den Lebensmittelläden stauen sie sich, alles sucht sich noch einzudecken, weil man fürchtet, daß es nachher nichts mehr gibt. Die Leute rechnen mit einer bevorstehenden Hungersnot.
Unter diesen Umständen entschloß ich mich dem bevorstehenden Sturm mit meiner Frau und meiner z. Zt. bei uns gastweise lebenden Tochter nach Herrnneuses auszuweichen. Dort habe ich ja meine hauptsächliche Aufgabe. Meine hiesigen kleinen Aushilfsdienste kann ich ohne Schwierigkeiten an Amtsbruder Brühler abgeben, der von der Wehrmacht frei gestellt zur Zeit sich hier aufhält. Wir packen heute noch das Nötigste zusammen und wollen morgen nach Herrnneuses aufbrechen.

Neustadt/Aisch, 6. April 1945
Hans Stählin

Am letzten Samstag, den 7. April, zogen wir mit unserem Handwägelchen hier in Herrnneuses ein. Als wir an die Bahnunterführung oberhalb des Stadtparks kamen, fanden wir diesen verbarrikadiert. Wir mußten den Wagen seitwärts über die Bahngleise heben. Wir wohnen im Arbeitszimmer und im Akten- und Gemeindezimmer des Pfarrhauses. Ersteres liegt im 1. Stock, letzteres im Erdgeschoß. Die übrigen Räume des Erdgeschosses und das für den bei der Wehrmacht vermißten Stelleninhaber, Amtsbruder Hofmann, vorbehaltene Zimmer im 1. Stock bewohnt z. Zt. dessen Bruder, Dr. med. Hofmann, mit Frau und 3 kleinen Kindern. Letzterer steht auch bei der Wehrmacht, ist aber krank und z. Zt. vom Lazarett beurlaubt. Die übrigen Räume des 1. Stocks bewohnt Frau Ernstmeier von Nürnberg mit ihrem Kind und einer gänzlich ausgebombten, kinderlosen, ihr befreundeten Witwe Meier aus Nürnberg. Bis jetzt leben die Hausinsassen friedlich zusammen. Als vor dem Einzug von Dr. Hofmann jemand anderes im Erdgeschoß wohnte, hatte es schlimmen Streit gegeben.
Auf Handwagen brachten wir in den letzten Tagen noch aus der Stadt heraus, was wir hier zum Leben und ich zu meiner Amtsführung nötig brauchten, und noch einiges andere, was wir hierher in Sicherheit bringen wollten, anderes haben wir in unserer Neustädter Wohnung im Keller verstaut, die Möbel und vieles andere mußten wir in den Wohnräumen stehen lassen auf die Gefahr hin, daß alles zerstört wird.
Am Sonntag, nachm. 2 Uhr sollte hier Gedächtnisgottesdienst für Willi Wittmann sein. Aber fast den ganzen Tag besteht jetzt Fliegeralarm. Infolgedessen konnte der Gottesdienst nicht zur bestimmten Zeit stattfinden. Ich ließ herum sagen, daß wir warten wollten auf die Entwarnung bis spätestens 5 Uhr. Sollte da der Alarm noch andauern, so müßte der Gottesdienst ein anderes Mal gehalten werden. Das Geläute der Glocken sollte den Beginn des Gottesdienstes ankündigen. Gegen 3 Uhr bestand zwar noch Alarm, doch waren laut Ansage im Rundfunk die Flugzeuge in das Gebiet östlich Nürnberg abgezogen. Da ließ ich läuten, und wir konnten den Gottesdienst ohne weitere Störung durchführen.
Auf den nächsten Tag entspannte sich die Lage in Neustadt. Es hieß, die Amerikaner seien zurück gedrängt worden. Gestern aber hieß es auf einmal, sie seien über Scheinfeld vorgerückt, Markt Bibart und Unterlaimbach lägen unter feindlichem Feuer. In Neustadt begann man die Brücken zu sprengen, man erwartete die Panzer noch in der Nacht oder am folgenden Tage. Die Westdurchfahrt des Nürnberger Tores ist verbarrikadiert, die Ostdurchfahrt hiezu vorbereitet. Ein Volkssturmposten steht dauernd davor. Seit gestern sind die hiesigen Männer des Volkssturms in die Stadt gerufen und nicht wieder zurück gekehrt.
Bis jetzt 16 Uhr 40 Min. erschien aber der Feind noch nicht vor der Stadt. 2 Bataillone sollen als Besatzung in die Stadt gelegt worden sein. Wer kann, fährt oder geht heute noch von hier in die Stadt um Lebensmittel einzukaufen. Die Läden sollen von früh 6 Uhr ab offen sein. Meine Tochter fuhr trotz ihrer eiternden Hand mit Frau Dr. Hofmann auch hinein. Sie hörten, daß an der Bahn Kommißbrot ohne Marken zu haben sei. Sie eilten hin und fanden unter einem Güterwagen noch einen Rest Kommißbrot besitzlos herum liegen, das sie an sich nahmen. Der Inhalt des Wagens war bereits verkauft. Es sollen auch Butter und andere Lebensmittel dabei gewesen sein, die abgegeben wurden an die, die gerade zur Stelle waren.
Vorgestern starb hier eine Frau Meyer, die aus Neustadt umquartiert war. Der Mann ist beim Volkssturm in Neustadt. Die Beerdigung sollte in der Stadt sein, da aber heute nacht die Brücke über die Aisch zum Friedhof gesprengt wurde, konnte diese Absicht nicht ausgeführt werden. Ich wurde deshalb gebeten die Beerdigung hier zu halten. Mit Rücksicht auf die Fliegergefahr setzten wir sie auf früh 7 Uhr an. Der Totengräber ist beim Volkssturm. Zwei andere Männer übernahmen das Ausschaufeln des Grabes. Unser Organist mußte sich heute früh in der Stadt zur Wehrmacht stellen. Deshalb fand die Beerdigung ohne Gesang statt. Die Beteiligung war sehr gering. Um nicht durch Flieger gestört zu werden hielt ich nur eine kurze Ansprache am Grabe.

Herrnneuses, 12. April 1945
Hans Stählin

Heute früh wurde im Dorf die Nachricht verbreitet, daß Neustadt bis früh 10 Uhr von der Zivilbevölkerung geräumt werde. Die Nachricht bestätigte sich nicht, meine Tochter war im Laufe des Vormittags noch einmal unbehelligt in der Stadt. Es war nur bekannt gegeben worden, daß auf ein Hornsignal hin niemand mehr das Haus verlassen dürfe. In unser Dorf rückte eine kleine Abteilung Infanterie ein, die bald nach Neustadt weitermarschierte. Mit der Ortsschelle wurde bekannt gegeben, daß jedermann unentgeltlich Heu, Stroh und Hafer im Lagerhaus in der Stadt holen könne. Doch scheint niemand mehr sich mit dem Fuhrwerk in die Stadt zu wagen.
Der Rundfunk meldet, daß in Amerika der Präsident Roosevelt gestorben sei.
Von Westen her hörte man gegen abend ziemlich lebhaften Geschützdonner, aber im Sonstigen ging der Tag ohne besondere Ereignisse vorüber. Bei Uffenheim sollen amerikanische Truppen eingekesselt sein, der Feind sei von seiner Marschrichtung auf Neustadt abgebogen, so daß die Lage sich etwas entspannt habe. Gegen 20 Uhr erschienen über Neustadt starke Rauchwolken. Es hieß, Neustadt brenne. Radfahrer, die über den Wald gegen Oberstrahlbach fuhren, kamen jedoch mit dem Bescheid zurück, daß auf dem Stübacher Berg die Baracken des Horchpostens von den Unsern angezündet worden seien. Doch fielen nunmehr bereits Artillerieschüsse, die aus der Gegend von Birkenfeld zu kommen schienen, und es hieß, daß Schüsse in die Stadt fielen. Da gleichzeitig der Rundfunk eine Schauernachricht bringt, daß die Neger in Ipphofen alle Frauen vergewaltigt hätten, legte sich eine große Angst auf unsere Frauen. Huthöfer aber wagte noch ein Fuhr Hafer aus dem Lagerhaus in Neustadt zu holen, außerdem brachte er, wie schon mehrmals die Tage vorher, allerlei Flüchtlingsgut aus der Stadt mit.
Es ist jetzt dunkel geworden. Von der Stadt her hört man das Rollen schwerer Fahrzeuge. Man sagt, es seien Panzer, die um die Stadt her in Stellung gingen, man hört sie auf der Straße Schellert – Oberschweinach und südlich und östlich der Stadt.

Herrnneuses, 13. April 1945
Hans Stählin

Wir erwarteten nun den Angriff auf die Stadt in der Nacht oder am nächsten Morgen. Jetzt ist es aber mittag. Meine Tochter war nochmals in der Stadt und es ist dort alles ruhig. In den Läden wurde unentgeltlich Käse an die Bevölkerung abgegeben. Ich ging diesen Vormittag nach Schellert um dort einige Hausbesuche zu machen und mich zugleich über die dortige Lage zu unterrichten. Ganz Schellert ist voll von Flüchtlingen und von Soldaten. Zwischen Schellert und Oberschweinach sah ich eine deutsche schwere Batterie in Stellung. In Rennhofen soll Flak stehen. Herrnneuses zwischen inne ist verhältnismäßig ruhig. In der Nacht kam die Neustädter Polizei in die hiesige Schemmsche Wirtschaft, kehrte aber wieder in die Stadt zurück. Auch eine Abteilung Volkssturmmänner kam in die Wirtschaft. Sie hatte auf dem Hutberg geschanzt und beobachtete hierbei das Einrücken der Panzer in Dietersheim, worauf sie sich hierher zurückzogen und übernachteten. In der gleichen Nacht kam dann noch nach dem Abzug der Polizei eine Abteilung Wehrmacht und übernachtete im Saale der Wirtschaft. Von Nachtruhe war unter diesen Umständen bei den Wirtsleuten wenig die Rede. Trotz günstigen Flugwetters merkt man kaum etwas von Fliegertätigkeit. Kleine, versprengte Soldatenabteilungen kamen nach Schellert und hierher. Sie erzählten, sie seien der Rest einer 550 Mann starken Einheit, die bei Dornberg in der Gegend von Helmizheim eingeschlossen und gefangen genommen worden sei. Von Süden her hört man dauernd Geschützdonner, der näher zu kommen scheint. Man sagt, es seien deutsche Geschütze.
Als ich gegen mittag eben von meinem Gang nach Schellert und Oberschweinach heim kam, suchte mich eine Frau Engel von Unterstrahlbach auf und bat mich um die Beerdigung ihrer dort verstorbenen Großmutter, weil eine Beerdigung in Neustadt unmöglich sei. Ich sagte die Beerdigung für Montag früh 7 Uhr zu, wenn sie sich unter den gegebenen Umständen durchführen läßt. In Unterstrahlbach fand sich niemand, der die Leiche hieher geschafft hätte, Frau Engel und die hiesige junge Frau Gräbner, die Schwiegertochter der Leichenfrau, mußten sie auf einem Handwagen, ohne Sarg, nur in Decken gehüllt, ins Barhaus des hiesigen Friedhofs schaffen.
Die Wehrmacht legte eine Nachrichtenleitung von hier in den Wald nach Süden. Ein Soldat gab mir die Auskunft, sie führe zu der Stellung dort im Wald. Gleichzeitig wurde gesagt, daß beim Felsenkeller am Waldrand oberhalb Oberstrahlbach eine Artilleriestellung sei. Demnach schienen wir von Stellungen unserer Wehrmacht von allen Seiten umgeben zu sein. Das machte mich doch unruhig und ich ging der Leitung nach Süden und zum Felsenkeller nach. Die Leitung südwärts führte nach Schellert, die zum Felsenkeller weiter in die Stadt hinein.
Die Batterie zwischen Schellert und Oberschweinach hat seit heute mittag das Feuer eröffnet in Richtung auf das Aischtal oberhalb der Stadt. Der Feind antwortet nur schwach. Der Keller
des Pfarrhauses ist jetzt ein begehrter Zufluchtsort, aber er bietet naturgemäß nur Raum für eine beschränkte Zahl. Es gab darüber leider Unstimmigkeiten mit einigen Nachbarn. Eine Anzahl nahmen wir auf, aber einige mußten wir abweisen, weil sonst der Luftraum im Falle einer Verschüttung nicht mehr gereicht hätte.

Herrneuses, 14. April 1945
Hans Stählin

Ich hatte mich gestern doch geirrt in der Annahme, daß in unserer unmittelbaren Nähe keine Artillerie stehe. Vom Hause des Bürgermeisters geht eine Leitung hinaus in den Wald nach Buchklingen zu, dort steht eine schwere Batterie am Waldrand. Es ist jetzt Vormittag und es heißt die amerikanischen Panzer kämen von Roßbach und würden in kurzem hier sein, die Batterie bei Schellert habe den Befehl zum Abrücken. Tatsächlich wurde die hiesige Nachrichtenleitung dorthin aufgerollt. Die Batterie bei Buchklingen löste einige Schüsse. Ob sie dann auch verschwindet? Der Bürgermeister läßt herum sagen, wenn Nebel komme, solle
alles in Deckung gehen, weil dann Sprenggranaten folgten. Eben, es ist 3/4 12 Uhr, fährt die Batterie von Buchklingen her durchs Dorf herunter ab.

Herrneuses, Sonntag, den 15. April 1945
Hans Stählin

Seit gestern mittag ist nun unser Dorf von den Amerikanern besetzt. Gegen mittag ging ich mit Dr. Hofmann hinaus nach Buchklingen zu, um nach einer dritten Batterie zu sehen, die drüben im Walde noch feuerte. Die letzten Mannschaften der soeben durch Herrneuses abgezogenen Batterie sahen wir noch langsam sich entfernen, während wir zwischen den Feldern auf die Waldspitze vor Buchklingen zugingen. Plötzlich sah Dr. Hofmann auf der Höhe neben dem Friedhofe Panzer auftauchen. Wir wollten noch heim eilen, aber es war schon zu spät. Die Panzer eröffneten das Feuer mit Maschinengewehren. Zwischen uns und dem Dorfe gingen noch einige offenbar versprengte Soldaten über die Äcker. Sie wurden unter Feuer genommen und wir mußten schleunigst hinter einem Holzstoß Deckung suchen. Um uns wurde das scharfe Summen der Geschosse hörbar. Als das Feuer nachließ, gingen wir hinter einem Zaun gedeckt auf den Wald nach Süden zu. Die letzten etwa 50 m bis zum Waldrand mußten wir durchs offene Gelände laufen, doch wurden wir nicht beschossen. Im Walde waren wir in Sicherheit, nur waren wir vom Dorfe abgeschnitten und stellten uns vor, wie sich die Unsrigen um uns ängstigen würden. Wir gingen nun durch den Wald südlich des Dorfes entlang. Wir entdeckten einen kleinen Bunker, den irgend jemand sich da draußen gebaut hatte. Dann aber hielten wir auf das Sandmannsche Anwesen zu, das dicht am Wald ziemlich seitab vom Dorfe liegt. Zwei Granaten schlugen in den Dorfweiher. Wir sahen die Panzer auf und neben der Straße vom Friedhof heran rollen. Einige schwere Panzer fuhren auf dem Schloßberge auf. Gegen das Dorf ging Infanterie vor, sie ging teilweise in Stellung mit Front gegen den nördlich gelegenen Wald. Schließlich zog sich alles ins Dorf hinein. Es waren schätzungsweise 25 leichte und schwere Panzer und eine Unmasse Begleitfahrzeuge. Wir waren inzwischen an das Sandmannsche Gehöft gelangt, wo die Leute vor dem Hause standen und dem Anrücken der Panzer in aller Ruhe zusahen. Wir veranlaßten die Leute ein weißes Tuch heraus zu hängen, da jeder Widerstand natürlich sinnlos gewesen wäre. So blieben wir auch ganz unbehelligt.
Nach einiger Zeit ging zuerst ich und nachher auch Dr. Hofmann ins Dorf und ins Pfarrhaus, ohne daß uns etwas geschah. Wir fanden die Unsern im Keller beisammen.
Inzwischen begann unsere eigene Artillerie die Amerikaner unter Feuer zu nehmen. Eine Granate schlug in das Kuhrsche Haus, schräg gegenüber dem Pfarrhaus in den Kamin, zertrümmerte diesen und deckte das Haus ab, zündete aber nicht. Weitern Schaden richtete die Beschießung nicht an. Das Pfarrhaus aber füllte sich mit Amerikanern, die vor dem Beschuß Deckung suchten. Sie taten uns nichts zu leide, verlangten Schnaps, aber gaben sich zufrieden, als sie keinen bekommen konnten.
Nach 17 Uhr hieß es plötzlich, das Pfarrhaus müsse bis 17/30 Uhr geräumt werden, es solle als Lazarett dienen. Wir rafften so schnell als möglich unsere Habseligkeiten zusammen und schafften sie ins Häuschen gegenüber zu Schäferswitwe Gräbner, die schon immer die rechte Hand des Pfarrhauses war. In einem leeren Raum wurde dort alles untergebracht. Ich selbst ging in die Wirtschaft Schemm um dort für uns ein Unterkommen zu suchen. Zwei Betten für uns drei Personen wären dort zu haben gewesen, wenn drei uns befreundete Damen aus Neustadt, die dort untergebracht waren, sich gleichfalls mit drei Betten begnügten. Aber nach einiger Zeit wurde auch die Räumung der Schemmschen Wirtschaft befohlen, gleichfalls zu Lazarettzwecken, nur die Küche und ein Raum sollten frei gegeben werden. Da baten mich die drei oben genannten Damen um Obdach in der Kirche. Aber nun hieß es wieder, das Pfarrhaus brauche nicht geräumt zu werden. Daraufhin überließ Dr. Hofmann den Dreien ein Zimmer und ich half ihnen ihre Sachen von der Schemmschen Wirtschaft herüber bringen. Das war aber mit erheblichen Schwierigkeiten verknüpft, denn die Masse der Panzer und andern Fahrzeuge, mit denen der Platz vor der Wirtschaft und die ganze Dorfstraße angefüllt war, kam in Bewegung. Sie fingen an abzufahren in der gleichen Richtung, in der sie gekommen waren. Ein Teil der Panzer nahm auf der Wiese am westlichen Dorfrand Stellung, dann schloß er sich den andern abziehenden Fahrzeugen an. Am Abend war das Dorf wieder leer. Durch die Ortsschelle wurde bekannt gegeben, daß am Abend gut verdunkelt werden müsse und daß die Dorfbewohner den Ort nicht verlassen und nur von 7 – 10 Uhr und 15 – 17 Uhr die Häuser verlassen dürfen.
Die Spuren der Besetzung blieben zurück in Gestalt von Wegen, Wiesen und Aeckern, die von den Gleitketten der Fahrzeuge zerwühlt waren. Gelegentlich waren Zäune umgefahren, bei Huthöfer war die ganze Umzäunung des Hofes weg, in den Häusern war alles verschmutzt, teilweise war auch geplündert worden, durchsucht wurden alle Häuser. Bei uns war ein Pfund Wurst und der Käse verschwunden, den unsere Tochter im Arbeitsdienstlager bekommen hatte. Überall hatten die Soldaten Eier verlangt. Frau Kuhr wurde mit dem Revolver bedroht, als sie keine mehr hatte. In der Schemmschen Wirtschaft wurden alle Bewohner in den Keller gesperrt und dann das ganze Haus durchsucht, die Koffer wurden teilweise erbrochen, der ganze eingelegte Eiervorrat der Wirtin, 100 Stück, verschwand, ebenso ein silberner Löffel, den eine der dort untergebrachten Damen als Andenken an ihren verstorbenen Mann besonders wert hielt. Das Telefon war abgerissen.

Herrneuses, 16. April 1945
Hans Stählin

Hier mußte ich gestern abbrechen, denn wir mußten innerhalb einer Stunde das Pfarrhaus räumen, weil das Haus mit einem Militärstab belegt werden sollte. In aller Eile konnten wir nur das Nötigste herausschaffen. Meinen Hut und Mantel konnten wir nicht mehr holen. Vor dem Haus steht ein Posten, der niemanden mehr herein läßt. Wir schafften die Sachen wieder hinüber zur Witwe Gräbner, die uns Quartier anbot, obwohl sie selbst krank zu Bett lag. Aber Verpflegung konnte sie uns nicht bieten. Ich hatte in der Schemmschen Wirtschaft für mich Verköstigung zugesagt bekommen. Aber als ich jetzt dorthin kam, saßen sie im Stall beisammen, das ganze Haus bis auf ein Zimmer mußte geräumt werden, auch die Küche, so daß sie nicht mehr kochen konnten. Dr. Hofmann mußte mit Frau und drei Kindern aus dem Pfarrhaus in die Waschküche ziehen. Die Frau Hauptlehrer bat mich in der Kirche Quartier nehmen zu dürfen, Huthöfers müßten ausräumen.

Ich fragte den maßgebenden Offizier, ob ich die Möglichkeit hätte hier Gottesdienst zu halten. Dies wurde mir zugesagt, aber von den Außenorten dürfe niemand kommen. Ich selbst müsse bis spätestens 18 Uhr den Ort verlassen oder es bliebe mir bis auf Weiteres untersagt, den Ort zu verlassen. Da ich im Ort unter den bestehenden Verhältnissen keine Möglichkeit der Verköstigung hatte, ich auch vom größten Teil der Gemeinde bei meinem Bleiben abgeschnitten gewesen wäre, entschloß ich mich zur Rückkehr nach Neustadt.

Am Nachmittag 16 ¼ hatte ich noch die Beerdigung der Frau von Unterstrahlbach mit Erlaubnis des Ortskommandanten vorgenommen. Der Totengräber ist zum Volkssturm eingezogen, zwei andere Männer des Dorfes versprachen das Grab zu schaufeln und den Sarg einzusenken. Ich ging zum Friedhof ohne Leichenkondukt, nur vom Kreuzträger begleitet. Sonst durfte sich niemand an der Beerdigung beteiligen, weil es verboten war den Ort zu verlassen. Als ich zum Friedhof kam, war das Grab bereits wieder zugeschaufelt. Die beiden Männer waren über die Zeit der Beerdigung falsch unterrichtet und hatten, als ich nicht kam, allein den Sarg eingesenkt. Ich konnte nur noch in ihrem Beisein die Einsegnung vollziehen.

Um noch vor 18 Uhr aus dem Ort zu kommen, luden wir in aller Eile auf unsern Handwagen und den Kinderwagen unserer verheirateten Tochter, die mit ihren beiden Kindern bei der Witwe Gräbner einquartiert war, das Nötigste, was wir mit nach hause nehmen wollten. Wir kamen gerade noch rechtzeitig zum Dorfe hinaus. Es war uns eine ordentliche Erleichterung, als wir draußen waren in der stillen Natur. Aber in Oberstrahlbach erfuhren wir, daß von 7 Uhr ab niemand mehr nach Neustadt hinein durfte. Da nahm uns der Kirchenpfleger Reingruber freundlich in sein Haus auf, bewirtete und nächtigte uns vier Erwachsene und zwei Kinder, obwohl er in den Tagen vorher schon das ganze Haus einmal voll deutscher Soldaten und ein anderes Mal voll ziviler Flüchtlinge gehabt hatte. Heute morgen fuhren wir dann zur Stadt, und ich bin nun bis auf Weiteres von Herrneuses abgeschnitten.

Neustadt/Aisch, 17. April 1945
Hans Stählin

Herrneuses ist jetzt von den Amerikanern vollständig geräumt. Einige Tage hatten sie bei Buchklingen noch im Freien ein Lager und kamen von dort noch viel ins Dorf. Dann aber verschwanden sie auch dort. Jetzt höre ich nur noch von Einzelnen, die ins Dorf kommen. Es wird jetzt doch viel erzählt von Plünderungen, manchmal nahmen sie Lebensmittel fort und warfen sie dann einfach weg. Im Pfarrhaus wurden bei Dr. Hofmann sämtliche Uhren gestohlen, darunter zwei goldene Taschenuhren, wir mußten ihnen mit einer Wanduhr aushelfen. Auch 700 M in bar wurden bei ihm geraubt. Auch bei Reingruber wurde die ganze Barschaft entwendet. Huthöfer hatte, als die Panzer ins Dorf rückten, zum Dachfenster hinaus geschaut. Er wurde deshalb als Spion verdächtigt und einem scharfen Verhör unterworfen. Dr. Hofmann wurde beschuldigt der SS angehört zu haben. Er wurde verhaftet und nach Herzogenaurach abgeführt. Dort wurde eine strenge Untersuchung gegen ihn geführt. Seiner Frau wurde inzwischen in einem Verhör gesagt, er habe seine Zugehörigkeit zur SS eingestanden. Sie erklärte dies sofort für eine Lüge. Schließlich überzeugte man sich doch von der Unrichtigkeit der Anschuldigung und entließ ihn wieder. Auch alle seine Papiere, die man ihm abgenommen hatte, wurden ihm einige Zeit später wieder zugestellt. Mit dem Verdacht stand vielleicht im Zusammenhang eine Durchsuchung des Pfarrhauses und des Hauses der Witwe Gräbner am 27. April. Es kamen zuerst einige Soldaten am Nachmittag. Dann aber kamen nachts ½ 11 Uhr noch einmal einige Männer, die alle Schränke und Koffer aufbrachen, auch die Aktenschränke des Pfarramts. Die schwer krank zu Bett liegende Witwe Gräbner bedrohten sie wiederholt mit dem Revolver, weil sie zu einem bei ihr hinterlegten Koffer keinen Schlüssel hatte. Dieser nächtliche Besuch machte allerdings nicht den Eindruck, als erfolgte er in dienstlichem Auftrag, hier scheint Plünderung der eigentliche Zweck gewesen zu sein.
Die Außenorte der Pfarrei hatten unter der Besetzung weniger zu leiden. Buchklingen hatte durch die Schießerei bei der Besetzung von Herrnneuses einige Gefahr zu bestehen, doch ist nichts passiert, die anderen Ortschaften wurden von der Besetzung kaum berührt. Auf der Hohenwürzburg hat ein Neustädter Bienenzüchter einen Bienenstand. Er hatte dort Honig vor den Amerikanern vergraben. Der wurde entdeckt, und Engelhardt, der dortige Altsitzer, wurde der Mitwisserschaft beschuldigt. Doch geschah ihm weiter nichts.
Das gottesdienstliche Leben ist inzwischen wieder in Gang gekommen. Am Sonntag Jubilate, den 22. April, also 8 Tage nach der amerikanischen Besetzung, hielt ich wieder Gottesdienst. Doch fehlten die Besucher von Schellert und Buchklingen. Aus Furcht vor den Amerikanern hatte niemand gewagt dorthin zu gehen und den Gottesdienst anzusagen. Nach der Predigt verlas ich die Erklärung, die der amerikanische Heerespfarrer dem hiesigen Herrn Dekan abgegeben hatte. Sie liegt bei den Materialien zur Kriegschronik. Daß der Druck aufhören soll, unter dem die Kirche während der nationalsozialistischen Herrschaft stand, empfanden die Gemeindeglieder allgemein als eine Befreiung.
Am folgenden Sonntag war die Gemeinde wieder aus allen Ortschaften beisammen. Im Anschluß an denselben segnete ich unter Beteiligung der Gemeinde zwei deutsche Soldaten aus. An der Wegkreuzung, wo die Verbindungsstraße nach Herrnneuses von der Wegstraße Ansbach-Schellert abzweigt, hatten die Leute von Schellert die beiden begraben. Sie waren am 15. April in ihrem Auto verbrannt, als dieses von der Artillerie getroffen worden war. Die Reste des Autos liegen noch jetzt am Straßenrand. Bei dem einen Gefallenen konnte man noch die Personalien feststellen, der andere war vollständig verbrannt, nur seine Erkennungsmarke fand sich noch.
Am 10. Mai feierten wir zum ersten Mal wieder das Himmelfahrtsfest, das während des Krieges verboten gewesen war. Wie früher üblich gingen an dem Tag die Ledigen zum Heiligen Abendmahl.
Wie schon bemerkt, war Schellert während der ganzen Zeit im Gegensatz zu Herrnneuses von den Amerikanern verschont geblieben, und dies, obwohl im Walde nach Oberschweinach zu eine schwere deutsche Batterie gestanden hatte. Sie wurde zusammengeschossen. Am 13. Mai sah ich mir die traurigen Reste der Geschütze an. Eine Menge noch scharfer Granaten lag noch um die zerschossenen Geschütze her. In den Ort kamen am 22. April einige Amerikaner und ließen sich in der Wirtschaft Eier einschlagen. Aber es wurde kein Haus besetzt. Am 12. Mai stach die 15jährige Magd Helga Adlung auf einem Acker Disteln aus. Mittags erzählte sie, daß ein Neger ihr aus dem Walde gewunken habe, und bat ein anderes Kind sie auf den Acker zu begleiten, weil sie sich fürchtete. Das Kind aber fürchtete sich ebenfalls und wagte nicht mitzugehen. So ging sie am Nachmittag wieder allein. Seitdem ist sie verschwunden. Man fand am Abend ihren Schubkarren, sie hatte, wie es scheint, die Arbeit gar nicht wieder begonnen. Ich wollte am Sonntag, den 13. Mai nachmittags die in Schellert wohnende Mutter des Mädchens besuchen, fand aber die Haustüre verschlossen.

Neustadt/Aisch, 15. Mai 1945
Hans Stählin

Die Polizei veranlaßte heute die Einwohner von Schellert zu einer Suchaktion nach der verschwundenen Helga Adlung. Sie verlief ergebnislos.
Zum Kirchenrechner Reingruber in Oberstrahlbach kam in diesen Tagen ein Pole und verlangte Eier. Es war nur die Frau zu Hause. Da sie keine Eier bereit liegen hatte, ging sie hinaus um solche zu holen. Inzwischen stahl der Pole das Rad des Mannes und fuhr mit demselben davon.

Neustadt/Aisch, 19. Mai 1945
Hans Stählin

Ende Mai kehrte der 3. Pfarrer von Neustadt, Reinhold Schultz, aus der Kriegsgefangenschaft heim. Es wurde mir angeboten, daß dieser nun die Vertretung in Herrnneuses übernehmen könne. An einen Gemeindepfarrer treten durch die Umkehrung der politischen und kirchlichen Verhältnisse jetzt eine Fülle von Aufgaben und Verantwortlichkeiten heran. Das Gemeindeleben soll neu aufgebaut werden und der Amerikaner sieht im Pfarrer fast die einzige Persönlichkeit, die die Gemeinde vertreten kann. Unter diesen Umständen ist eine jüngere, noch unverbrauchte Kraft zur Führung der Gemeinde nötig. Ich bat daher um Entbindung von meinem Dienst. Sie wurde mir gewährt. Am 1. Juni verabschiedete ich mich im Gottesdienst von der Gemeinde. Amtsbruder Schultz hat nunmehr ihre Führung übernommen.

Neustadt/Aisch, 27. Mai 1945
Hans Stählin

Anmerkungen zu den Protagonisten in dieser Chronik:

Pfarrer Adolf Karl Johannes „Hans“ Stählin (*3. Juni 1878 in Beyerberg, Kreis Dinkelsbühl, †11. Oktober 1962 in Neustadt an der Aisch) heiratete am 12. Mai 1908 in Darmstadt Johanna Maria Gengnagel (*20. November 1882 in Basrur/Indien, †26. Juli 1975 in Neustadt an der Aisch). Bis Mitte 1937 war Stählin Pfarrer in Neunkirchen bei Leutershausen. In Neunkirchen zeigte sich bereits 1934 ein Zwiespalt zwischen politischer und kirchlicher Führung. Pfarrer Stählin stand hinter der Landeskirche und sprach sich häufig gegen die „Deutschen Christen“ 1 aus. In Versammlungen und durch Denunziationen an die Gestapo versuchte man Pfarrer Stählin mundtot zu machen. In einem Brief an die Reichskirchenführung forderte man sogar: „Wenn der Arm der Reichskirchenregierung bis zu uns reicht, möge man uns sobald als möglich von diesem volksfremden (Pfarrer), dem anscheinend ein afrikanischer Neger näher steht als ein deutsch christlicher Gemeinschaftsprediger, erlösen.“ 2

Das Ehepaar hatte fünf Kinder, darunter die Tochter Johanna Luise Therese Stählin (*2. März 1909 in Brauerschwend, †2. April 1990 in Neustadt an der Aisch). Johanna und drei ihrer Schwestern lebten in Neustadt. Als Hans Stählin 1937 in den Ruhestand trat, zog auch das Ehepaar nach Neustadt. (Siehe auch Streiflichter aus der Heimatgeschichte, Geschichts- und Heimatverein, Jahrgang 2020, S. 153.)

Die Tochter Else Maria Lydia Goos, geborene Stählin (*25. Januar 1911 in Brauerschwend, ⚭21. März 1936 in Nürnberg Johann Friedrich Goos), wohnte bei Kriegsende in Herrnneuses.

Pfarrer Richard Hofmann sollte die Pfarrstelle in Herrnneuses übernehmen, wurde jedoch zwei Tage vor seinem geplanten Amtsantritt zur Wehrmacht eingezogen. Seit dem 24. Juni 1945 gilt er als vermisst.

Pfarrer Dr. Ernst Friedrich Hofmann (*18. November 1899 in Haag bei Creußen). Von 1939 bis 1968 war er Pfarrer in Diespeck. Nach seinem Eintritt in den Ruhestand lebte er in Baudenbach und übernahm noch zahlreiche Vertretungen.

Dr. med. Hermann Philipp Hofmann (⚭31. März 1937 in Nürnberg Emilie Hildegard Müller) war während des Krieges als Lazarettarzt tätig. 1944 zog seine Frau mit den drei Kindern nach Herrnneuses und bezog dort die für Richard Hofmann vorgesehenen Räume im Pfarrhaus. Hermann Philipp Hofmann wurde aus gesundheitlichen Gründen vom Militärdienst beurlaubt und kam noch vor dem 7. April 1945 zu seiner Familie nach Herrnneuses.

Pfarrer Richard Hofmann, Pfarrer Dr. Ernst Friedrich Hofmann und Dr. med. Hermann Philipp Hofmann waren Brüder.

Pfarrer Friedrich Vogel (*11.9.1909 Creußen), von 1938 bis 1954 in Neidhardswinden tätig. 1939 übernahm er kurzzeitig zusätzlich die Vertretung in Herrnneuses, musste diese jedoch bald wieder abgeben, um eine andere Vertretung zu übernehmen.

Pfarrer Georg Holzberger (*19.7.1901), von 1936 bis 1943 in Schauerheim tätig. Von 1939 bis zu seiner Einberufung zur Wehrmacht im Jahr 1943 übernahm er zusätzlich die Vertretung in Herrnneuses.
Zu Beginn des Krieges hatte Hitler jegliche „Aktion“ gegen die Kirchen untersagt. Noch 1941 wurden die Parteistellen angewiesen, keinen Druck auf die Bevölkerung zum Kirchenaustritt auszuüben. Die tatsächliche Entwicklung verlief jedoch bekanntlich anders. Geistliche, die es wagten, einen Kirchenaustritt öffentlich bekannt zu geben, mussten mit Gefängnisstrafen rechnen. Auch Pfarrer Holzberger wurde zu drei Monaten Gefängnis verurteilt; zudem entzog man ihm die Erlaubnis, Religionsunterricht zu erteilen.3

Quellen:

  1. Die Deutschen Christen waren eine kirchenpolitische Bewegung im deutschen Protestantismus, die sich während der NS-Zeit an der Ideologie des Nationalsozialismus orientierte und versuchte, die evangelische Kirche entsprechend umzugestalten.↑
  2. BAIER (1968), Seite 192. ↑
  3. BAIER (1979), Seite 32. ↑