Herrnneuses am Ende des Zweiten Weltkriegs

Ansichtskarte von Herrnneuses, 1938
Das Kriegsende in Herrnneuses aus verschiedenen Perspektiven
Pfarrer Adolf Karl Johannes „Hans“ Stählin (*3. Juni 1878 in Beyerberg Kreis Dinkelsbühl, †11. Oktober 1962 in Neustadt), übernahm von September 1943 bis Mai 1945 die Vertretung in der Pfarrei Herrnneuses. Pfarrer Richard Hofmann, der die Pfarrei übernehmen sollte, wurde zwei Tage vor seinem geplanten Amtsantritt zur Wehrmacht einberufen. Pfarrer Stählin hält seine Erlebnisse und Beobachtungen von 1943 bis Mai 1945 in einer ausführlichen „Kriegschronik“ fest.1
Seinen Aufzeichnungen stehen die Erinnerungen von Menschen gegenüber, die die letzten Kriegsjahre als Bewohner unmittelbar miterlebten. Bereits ab 1943 hielten sich neben den Einwohnern auch zahlreiche evakuierte Familien im Dorf auf, unter ihnen die Künstlerfamilie Vogel aus Dortmund. Die Familie von Carl-Wilhelm Vogel (1907-1977), bekannter Maler, Bühnen- und Kostümbildner, wurde im Herbst 1943 nach Herrnneuses evakuiert.
Seine Frau Anne Marie Vogel, studierte Modedesignerin und Kostümbildnerin, kam zuerst mit ihren drei Kindern Antje, Peter und Heiner. Carl-Wilhelm Vogel kam im Herbst 1945 nach Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft nach. Im Herbst 1946 musste die Familie auf Anordnung der Militärregierung Herrnneuses wieder verlassen.
Die Tochter Antje Vogel, Illustratorin und Autorin von Kinderbüchern, lebt heute in Münster. Antje (*1939) und Heiner Vogel (*1935, †2023) haben ihre Erinnerungen an Herrnneuses aufgeschrieben.
Ergänzt werden diese Erinnerungen durch die Berichte und Überlieferungen von Zeitzeugen aus Herrnneuses und der näheren Umgebung, die die Ereignisse der letzten Kriegstage unmittelbar miterlebten. Zusammen ermöglichen diese unterschiedlichen Quellen einen vielschichtigen Blick auf die Ereignisse in Herrnneuses und Umgebung in den Jahren 1943 bis 1946.
Die letzten Monate des Krieges
Auch im Landkreis Neustadt an der Aisch waren die Auswirkungen des Krieges bereits in den Monaten zuvor zu spüren. Es wurden wiederholt Bahnanlagen angegriffen. Ein Bombenabwurf am 10. September 1944 galt einem Schnellzug auf der Strecke Nürnberg–Würzburg. Zehn Bomben gingen im Häckerwald nieder.2 Vermutlich fielen einige Bomben auch westlich von Herrnneuses in einem kleinen Waldgebiet. Die Bombentrichter sind teilweise noch heute im Gelände zu erkennen.
Auf der Reliefkarte sind die Einschläge zu erkennen.
Quelle: BayernAtlas, online.
Im Frühjahr 1945 rückte der Krieg immer näher an Herrnneuses heran. Die amerikanischen Truppen der 7. Armee waren, unterstützt von der Air Force, vom Rhein nach Franken vorgedrungen. Nach der Einnahme von Würzburg Anfang April und Schweinfurt Mitte April setzte die amerikanische Armee ihren Vormarsch in Richtung Nürnberg fort.3
Die Angst vor Luftangriffen hatte die Menschen längst daran gewöhnt, Schutz zu suchen. Einige Familien hatten während des Krieges mit Schaufeln und Pickeln einfache Erdbunker angelegt, darunter die Familie Günther in Herrnneuses. Die Wände wurden mit Balken abgestützt, Rundhölzer bildeten die Decke, die anschließend mit Erde bedeckt wurde.
Über Herrnneuses wurden alliierte Flugblätter abgeworfen, mit denen die deutschen Soldaten zur Aufgabe aufgefordert und die Bevölkerung über den Kriegsverlauf informiert werden sollte. Der nationalsozialistische Lehrer Friedrich Fritsch wies seine Schüler an, die Flugblätter einzusammeln und bei ihm abzugeben, ohne sie zu lesen. Der Schüler Johann Günther hielt sich nicht daran. Er erinnerte sich später noch an den Vers:
„Neustadt liegt im Loch, aber wir findens doch.
Würzburg, das verschonen wir,
nach dem Krieg da wohnen wir.“
Derartige Flugblätter waren für die Menschen im Dorf ein Zeichen dafür, dass der Krieg seinem Ende entgegenging – auch wenn niemand wusste, wann und unter welchen Umständen dieses Ende kommen würde.
Die letzten Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner
Am 27. März 1945 kamen 200 Soldaten einer deutschen Nachrichtentruppe ins Dorf. Sie wurden in Scheunen untergebracht und zogen am Ostermontag wieder ab.
Anfang April 1945 wurde die Lage immer unübersichtlicher. Deutsche Truppen zogen sich zurück, andere Einheiten waren bereits in Auflösung begriffen.
Kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner erschienen SS-Männer im Dorf. Sie waren als Quartiermacher unterwegs und markierten mit Kreide einige Häuser, in denen sie sich einquartieren wollten. Dazu kam es jedoch nicht mehr: Die amerikanischen Truppen waren schneller.
Auch Heiner Vogel erinnert sich an diese Tage. In seiner Rückschau erscheint das Auftauchen der SS als ein besonders deutliches Zeichen dafür, dass das Kriegsende unmittelbar bevorstand. Man hatte inzwischen gehört, dass Dörfer, in denen deutsche Soldaten Widerstand leisteten, von den Amerikanern beschossen wurden. Für die Familie Vogel war die Nachricht, dass die Amerikaner Herrnneuses erreichten, trotz aller Unsicherheit auch eine Erleichterung.
Im Dorf hielten sich inzwischen auch ausgebombte Nürnberger Familien sowie einige Neustädter auf. Die Neustädter suchten angesichts der drohenden Kampfhandlungen und der erwarteten Einnahme Neustadts durch die amerikanischen Truppen Schutz in den umliegenden Dörfern. Unter ihnen waren der Neustädter Beamte Georg Linsenmeyer, Kreisamtsleiter der Nationalsozialistischen Volksfront, und Horst Erny, der spätere Bürgermeister von Neustadt.
15. April 1945 – die Amerikaner kommen
Am 15. April 1945 erreichten die amerikanischen Truppen Herrnneuses.
Die Bevölkerung leistete keinen Widerstand. Viele Menschen suchten im Schlosskeller, im Keller des Pfarrhauses oder im Felsenkeller an der Straße nach Oberstrahlbach Schutz.
Heiner Vogel beschreibt die Situation aus der Sicht eines Kindes. Er war dabei, als sich Teile der Dorfbevölkerung mit Kleinvieh und wichtigen Habseligkeiten in den Felsenkeller zurückzog. Schon Tage zuvor war Stroh in den Keller gebracht worden, jeder Familie war ein Platz zugewiesen worden. Einige Kerzen spendeten nur wenig Licht. Die Familie Vogel hatte ihren Schmuck in einem Einmachglas im Garten vergraben.
Dann wurde es ernst. Wer den Keller verließ, war in Gefahr. Als bei einem solchen Versuch Schüsse zu hören waren, war klar: Die Amerikaner waren da.
Auf den Wiesen zwischen Dorf und Friedhof und auf dem Schlossberg standen amerikanische Panzer und andere Militärfahrzeuge. An der Kirche und an zahlreichen Häusern hingen weiße Fahnen.
Die amerikanischen Soldaten verlangten die sofortige Auslieferung etwa im Ort befindlicher deutscher Soldaten: bei Weigerung würde das Dorf vernichtet. Linsenmeyer schickte daraufhin Erny zum Bürgermeisteramt Neustadt mit der Meldung, es solle sofort alles Nötige zur Räumung der Stadt von allen Soldaten unternommen werden. Dem Bürgermeister gelang dies auch. Am nächsten Tag wurde Neustadt kampflos übergeben.4
Auf dem Weg nach Buchklingen befand sich noch eine deutsche Artillerie-Stellung, von der aus die Amerikaner in Herrnneuses beschossen wurden. Eine Granate schlug in das Haus der Familie Kuhr, schräg gegenüber dem Pfarrhaus, ein. Sie zerstörte den Kamin und deckte das Dach ab, zündete jedoch nicht. Weitere Schäden richtete die Beschießung nicht an. Einige Kinder, unter ihnen der damals zehnjährige Johann Günther aus Herrnneuses, halfen, völlig arglos, den deutschen Soldaten, Munition zum Geschütz zu tragen. Johann bekam nach seiner Rückkehr ins Dorf eine Tracht Prügel von seinen Eltern und wurde in den Erdbunker, hinter der Scheune der Familie Günther, geschickt.
Artilleriegeschütz, Frankreich.
Auch in Schellert kam es noch zu einem kurzen Gefecht. Vier deutsche Soldaten erhielten den Befehl, nach Neustadt zu fahren. Ihr Kübelwagen wurde am nördlichen Ortsrand von amerikanischen Truppen beschossen. Zwei Soldaten starben, zwei wurden schwer verletzt. Die Verletzten wurden von amerikanischen Sanitätern geborgen. Erst zwei Tage später wurden die Toten von einem Einwohner aus Schellert an der Kreuzung nach Herrnneuses (heute Kreisverkehr) beerdigt. Kurz nach dem Krieg wurden sie exhumiert und in ihre Heimatorte gebracht.
Was gleichzeitig im Eichwald und in Rennhofen geschah
Am Eichwald verläuft der Weg nach Rennhofen.
Während die amerikanischen Truppen Herrnneuses besetzten, hielten sich deutsche Soldaten auch noch im Eichwald zwischen Herrnneuses und Rennhofen auf. Kurz vor dem Eintreffen der Amerikaner zogen sie sich nach Rennhofen zurück. Dabei verminten sie den Weg zwischen den beiden Dörfern.
In Rennhofen bezogen die Soldaten Stellung. Fahrzeuge wurden in der Scheune der Familie Kerschbaum untergebracht, die Soldaten verschanzten sich hinter der Scheune der Familie Pröll und schossen von dort in Richtung Herrnneuses.
Die Amerikaner erwiderten das Feuer. Rennhofen wurde beschossen. Ein Wohnhaus sowie mehrere Scheunen und Nebengebäude nördlich der Dorfstraße wurden zerstört. Drei Menschen kamen ums Leben: Konrad Böhm (*20.8.1881), Georg Zeilinger (*11.1.1913) und Michael Kerschbaum (*15.3.1883), der seinen schweren Verletzungen auf dem Transport nach Emskirchen erlag. Für die drei Toten vom 15. April 1945, wurde der Friedhof in Rennhofen angelegt.
Noch heute finden sich in den Bäumen zwischen Herrnneuses und Rennhofen Splitter der damaligen Granaten.
Als die deutschen Soldaten schließlich flohen, ging Georg Michael Pröll (*4.10.1899, †1962) aus Rennhofen gemeinsam mit seiner achtjährigen Tochter Elise (*5.12.1936, †31.5.2026, verh. Hannweg) den amerikanischen Soldaten mit einer weißen Fahne entgegen. Vater und Tochter warnten die Amerikaner vor den Minen auf dem Weg zwischen Herrnneuses und Rennhofen. Damit verhinderten sie möglicherweise weiteres Blutvergießen und bewahrten Rennhofen vor einer noch größeren Zerstörung.
Ob sich in Rennhofen bzw. in Emskirchen überhaupt noch jemand an den lebensgefährlichen Einsatz von Michael und Elise Pröll erinnern kann? Eine Ehrung der beiden gab es nicht.
Michael Pröll
Foto: Heidi Pröll
Anders in Neustadt: Dort hatte Bürgermeister Leonhard Bankel (*18.5.1883, †10.7.1974) die Bevölkerung angewiesen, weiße Tücher an den Gebäuden anzubringen, und war den einrückenden amerikanischen Infanteristen in der Würzburger Straße entgegengelaufen, um die Stadt förmlich zu übergeben.5 Dafür bekam er später das Bundesverdienstkreuz und die Ehrenbürgerwürde der Stadt Neustadt, auch ein Platz wurde nach ihm benannt.6
Zwei Blicke auf dieselben Tage
Geschichte besteht nicht nur aus dem, was geschehen ist, sondern auch daraus, wie Menschen das Geschehene erlebt und erinnert haben.
Die Berichte über die Ereignisse vom April 1945 zeigen etwas Wichtiges: Dasselbe Ereignis kann von verschiedenen Menschen ganz unterschiedlich wahrgenommen und später auch unterschiedlich erinnert werden. Auch das Alter, die Herkunft und die persönliche Stellung beeinflussen die Wahrnehmung. Das bedeutet nicht, dass eine Erinnerung richtig und die andere falsch sein muss. Die Unterschiede erklären sich vielmehr aus der jeweiligen Lebenssituation.
Historische Erinnerungen sind deshalb keine Fotografien der Vergangenheit. Sie zeigen immer auch, wer etwas erlebt hat, aus welcher Situation heraus es erlebt wurde und was davon im Gedächtnis geblieben ist.
Eine interessante Quelle ist die Chronik des Pfarrers Stählin. Als Pfarrer war er in das Leben des Dorfes eingebunden und beobachtete die Ereignisse aus der Perspektive eines Erwachsenen und Verantwortlichen der Gemeinde. Seine Chronik entstand zeitnah zu den Ereignissen und hält fest, was er selbst beobachtete beziehungsweise was ihm berichtet wurde.
Ganz anders ist die Perspektive von Antje und Heiner Vogel. Sie waren noch Kinder, als sie das Kriegsende in Herrnneuses erlebten. Für sie bestand die Welt des Dorfes nicht nur aus Krieg, Besatzung und militärischen Ereignissen. In den Erinnerungen von Heiner spielen auch das Wohnen bei Huthöfers, die Schule, die Dorfkinder, die Arbeit auf dem Bauernhof und die vielen kleinen Erlebnisse des täglichen Lebens eine große Rolle. Gerade deshalb sind seine Erinnerungen so anschaulich. Heiner Vogel erinnert sich beispielsweise an die Tage im Felsenkeller, an die weißen Fahnen, an die Ausgangssperre und an die amerikanischen Soldaten. Gleichzeitig schildert er dieselbe Zeit immer wieder aus der Sicht eines Kindes – mit Neugier, Abenteuerlust und manchmal auch mit einer gewissen Unbekümmertheit.
Beim Vergleich der Berichte von Stählin, Antje Vogel und Heiner Vogel wird die unterschiedliche Wahrnehmung sichtbar. Pfarrer Stählin hatte vor allem die Sorge um die Gemeinde und die Menschen im Dorf im Blick. Antje und Heiner nahmen vor allem das wahr, was für ihr eigenes Leben unmittelbar bedeutend war.
Nach der Besetzung
Für die Einwohner von Herrnneuses bedeutete der Einmarsch der Amerikaner zunächst vor allem: Der Krieg war vorbei, aber die Unsicherheit blieb.
Die amerikanischen Soldaten blieben zwei Tage im Dorf. Einige Tage lagerten sie noch bei Buchklingen im Freien und kamen von dort oft in das Dorf.
Für die Erwachsenen war die Situation vermutlich vor allem von Vorsicht und Ungewissheit geprägt. Für die Kinder konnte sie dagegen überraschende und sogar faszinierende Seiten haben. Die amerikanischen Soldaten verteilten Kaugummi und Schokolade. Weggeworfene Zigarettenkippen wurden von Kindern gesammelt und konnten getauscht oder verkauft werden.
Heiner Vogel erinnert sich ebenfalls daran, wie sich das Leben nach dem Einmarsch allmählich wieder normalisierte. Zunächst galt eine Ausgangssperre. Die Bewohner durften nur zu bestimmten Zeiten nach draußen. Das war für die Familie Vogel besonders umständlich, weil sich die Toilette außerhalb des Hauses befand. Später wurde die Ausgangssperre gelockert und die Kinder konnten wieder im Dorf spielen.
Aber auf Wegen und Feldern lagen Munition und andere militärische Hinterlassenschaften. Die kleine Elise Pröll aus Rennhofen hob eine Granate auf und wurde bei deren Explosion schwer verletzt.
Heiner Vogel berichtet von einem weiteren Erlebnis, das zeigt, wie wenig Kinder die Gefahren damals einschätzen konnten. Er und andere Kinder wollten im Pfarrgarten eine Schaukel bauen. Als Seil sollte ein im Straßengraben gefundener Draht dienen. Erst als ein amerikanischer Jeep auftauchte, wurde klar, dass es sich um eine Telefonleitung der amerikanischen Armee handelte. Heiner konnte sich verstecken, während andere Kinder von den Soldaten aufgegriffen wurden. Der Dorfpfarrer konnte schließlich erklären, dass es sich nicht um Sabotage gehandelt hatte.
Das Kriegsende am 8. Mai
Mit der Besetzung von Herrnneuses war der Krieg im Dorf faktisch zu Ende. Politisch dauerte es noch einige Wochen, bis die Folgen des Zusammenbruchs des Deutschen Reiches sichtbar wurden.
Am 30. April 1945 beging Adolf Hitler in Berlin Selbstmord. Am 8. Mai 1945 unterzeichnete Deutschland die bedingungslose Kapitulation. Der Zweite Weltkrieg in Europa war damit beendet.
Am 5. Juni übernahmen die vier Siegermächte offiziell die oberste Regierungsgewalt in Deutschland und teilten das Land in Besatzungszonen. Herrnneuses gehörte zur amerikanischen Besatzungszone.
Doch für die Menschen im Dorf war der 8. Mai nicht einfach ein klarer Schnitt zwischen „Krieg“ und „Frieden“. Viele Soldaten waren gefallen oder vermisst, andere befanden sich noch in Gefangenschaft. Familien warteten auf die Rückkehr ihrer Angehörigen. Später kamen Flüchtlinge und Heimatvertriebene nach Herrnneuses.
Im Vergleich zu vielen anderen Orten hatte Herrnneuses Glück. Das Dorf selbst blieb von größeren Zerstörungen verschont. Niemand aus Herrnneuses wurde während der Besetzung getötet, verletzt oder verhaftet. Im benachbarten Rennhofen dagegen hatten die letzten Kriegstage drei Todesopfer und erhebliche Zerstörungen gefordert.
